Nietzsche war ein in vielem zweifellos anregenden Philosoph, der elitär und antidemokratisch sein Philosophieren als „das freiwillige Leben im Eis und im Hochgebirge“ verstanden hat, dem es um „das Aufsuchen alles Fremden und Fragwürdigen im Dasein, alles dessen, was durch Moral bisher in Bann getan war“, gegangen ist, den oft widersprüchlich interpretierten Philosophen, der – den Sozialismus als Nachahmungen der christlichen Lehre verstehend - Herren- und Sklavenmoral unterscheidet, den Philosophen, der das Dasein und die Welt „nur als ästhetisches Phänomen“ als „ewig gerechtfertigt“ ansieht, der das „Ungeheure“ am Grunde unserer Existenz reflektiert, und so das aus seiner Sicht in seiner Bedeutung noch gar nicht erfasste Ereignis verkündet, dass Gott tot sei; der daraus folgernd die Idee des „Übermenschen“ entwickelt und den „Willen zur Macht“, den er aber vielleicht doch am ehesten als Fähigkeit zur Selbstüberwindung und –Gestaltung mittels der Entfaltung des ästhetischen Urteils begriff.
Der Pastorensohn, „nahe dem Gottesacker geboren“ und der hochbegabte, der aufsteigende Stern der Altphilologie, sieht das „Ungeheure“, Abgründige der menschlichen Existenz, in dem Augenblick, in dem in ihm die Überzeugung reift, dass unsere Menschenwelt ihre Sinnhaftigkeit nicht einem Gottesschöpfertum verdankt, welchem auch immer.
Er sucht also fortan in einer sinnentleerten, von blinden Notwendigkeiten bestimmten Welt nach einer neuen Sinnstiftung, und er ist sicher, sie nun nur im Vollzug seines eigenen Lebens finden zu können.
Dabei ist für ihn entscheidend, dass er, für den die Auseinandersetzung mit Max Stirner später wichtig werden wird, denkend seiner eigenen inneren Welt nachspürt und dieses philosophische Denken, zu dem er begabt ist, zugleich gegen seine körperlichen Leiden einsetzt.
Zunächst einmal wurde Arthur Schopenhauer „als Lehrer und Erzieher“ (Nietzsche 1874/1981) für das Denken des Pastorensohns Friedrich Nietzsche wichtig. Zutiefst beeindruckt von dessen Philosophie, und zugleich davon, wie er sie seines Erachtens auch gelebt hat, vollzieht er den Bruch mit seiner höchst erfolgreich begonnenen akademischen Laufbahn – und der hat durchaus auch rebellisches an sich. In den »Unzeitgemäßen Betrachtungen«“ heißt es im dritten Teil über „Schopenhauer als Erzieher“
„Angst um sich selbst wird die Seele der Philosophie“ schrieb Nietzsche kritisch in Bezug auf Platons Philosophie (Safranski 2000, 152) – aber dies war doch wohl auch die eigentliche Triebfeder seines eigenen Denkens, mit dem er sich als Philosoph, wie er in der Einleitung zu »Ecce Homo« formulierte, auf das „freiwillige Leben im Eis und im Hochgebirge“ einlässt.
Und dieses Denken entwickelt sich ausgehend von den, Nietzsche mit Schopenhauer, selbstverständlichen Grundannahmen der Unterscheidung von den „vornehmen“ und den "niederen" Menschen, oder auch der Grundüberzeugung, dass es - sei es dionysisch-ästhetisch, sei es im Wege eines philosophischen Nachdenkens über das der der Welt zugrunde liegende "Ungeheure" - auf die "Entzückungsspitzen" ankommt, die nur den vornehmen Menschen zugänglich sind, und die zu erreichen das unumgänglich zugrunde liegende Elend der Menschen-Welt rechtfertigen.
Friedrich Nietzsche kommt das große Verdienst zu, über eine einzigartige , bis heute anhaltende Rezeptionsgeschichte mit weltweiter Resonanz zu verfügen.
