favico

Samstag, 10. September 2022

Ein Lob auf den Spaziergang

Rousseau spaziergangJean-Jaques Rousseau



»Ich kann nur beim Gehen nachdenken. Bleibe ich stehen, tun dies auch meine Gedanken«, hat der Philosoph Jean-Jacques Rousseau einst als Lob der Bewegung im Freien geschrieben. Spazieren gehen geht zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter. Das ziellose, abschweifende Spazieren fördert den Gedankenfluß und kann ein enormes Geflecht von Gedanken begünstigen.

Spazierengehen - eine bevorzugte Beschäftigung vieler Denker wie Nietzsche und Heidegger - lässt Raum zum freien Denken. Zum Spazierengehen braucht es nicht mehr als den Entschluss dazu. Der Wanderer zieht seine Schuhe an, macht die Tür auf, läuft die Treppen runter und tritt ins Freie. Raus aus den geschlossenen Räumen.
Draußen ist eine andere Luft, ein Wind, vielleicht der Duft von Linden oder Abgase. Und ein anderes Licht, greller Sonnenschein oder schnell vorüberziehende Wolken. Er überquert ohne groß nachzudenken eine Strasse und ehe er sich versieht, ist er schon abgebogen und ins Freie gelangt. Das Tempo entscheided er ganz allein; mal geht er zügig, mal schlendert er, bleibt stehen, schlägt Haken, schaut sich im Vorübergehen alles an: Straßen, Bäume, Menschen.

Die Ziellosigkeit ist das Prinzip eines jeden Spaziergangs. Wohin der Spaziergänger geht und wie lange, steht ihm völlig offen. Um die volle Freiheit zu haben, spaziert er allein. Nur allein kann er ganz seinen eigenen Impulsen folgen. Ein Gefühl der Leichtigkeit überkommt ihn, ähnlich wie wenn man im Frühling das erste Mal ohne Jacke auf die Straße geht. Er kann jetzt jederzeit tun und lassen, wonach ihm ist.

»Wanderer, gehest du nach draußen, vergiß das gute Wandern nicht.« - Gerade das Spazierengehen an der frischen Luft scheint die für das Denken notwendigen Impulse anzuregen und neue Denkanstöße zu liefern.

Der Wanderer Friedrich Nietzsche unternahm vor 140 Jahren einen Spaziergang, der zu dem wichtigsten Ereignis und Inspiration seines Lebens werden sollte. Nietzsche ging als Wanderer los und kehrte als Erleuchteter nach Hause.

Am Silvaplana See im Oberengadin in der Schweiz ereilte ihn eine Erleuchtung wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Für Nietzsche war dies in einschneidendes Erlebnis. Verzückt von seinem Gedanken erklärte er den mächtigen Felsen am Seeufer, vor dem er stand, zu seinem "Erleuchtungsfelsen".

Surlej-Felsen bei Sils Maria



Mit großem Pathos beschrieb der damals 36-jährige Friedrich Nietzsche den besonderen Moment, den der erleuchtete Philosoph heute vor genau 140 Jahren im schweizerischen Engadin erlebte: "Man muss Jahrtausende zurückgehen, um eine ähnliche Inspiration zu entdecken".


Blog-Artikel:

Friedrich Nietzsches Wanderung, die zur Offenbarung wurde

Nietzsche sah sich als Künstlerphilosophen

Friedrich Nietzsche



Friedrich Nietzsche war tief beeindruckt von dem Bild des Künstlerphilosophen. In Nietzsches Werk taucht daher der Begriff früh auf und setzt sich bis in die späten Tage fort, so auch in seiner Schrift »Der Wille zur Macht«.

Was aber versteht Nietzsche unter einem Künstlerphilosophen? Er versteht darunter das genaue Gegenteil eines (angestellten) Universitätsphilosophen und Gelehrten, z. B. Schopenhauer versus Hegel. Hinter dem Bild des Künstlerphilosophen steckt stets auch der Gegensatz Freigeist versus gelehrter Akademiker.

Schopenhauer war auch Philosophieprofessor an einer Universität, aber eher wider Willen. Hegel hingegen war der Prototyp eines akademischen Theoretikers und unfähig, Werk und Leben in Beziehung zu setzen.

Bei einem Künstlerphilosophen steht Leben und Werk in Einklang und beeinflussen sich gegenseitig. Ein Dichterphilosoph bringt sein Leben in sein Werk ein und sein Werk in sein Leben oder er versucht es wengistens.

Das Modell für einem solchen Philosophen bildet deshalb weniger der Mathematiker, der mit seinen Begrifflichkeiten arbeitet, als vielmehr der Künstler, der erfindet, indem er erschafft und erschafft, indem er erfindet. Nietzsche steht mit diesem Begriff in der Tradition der Vorsokratiker und Schopenhauers.

Der Künstlerphilosoph will dabei sein Leben zum Kunstwerk machen: Er will sein Leben zur künstlerischen Existenz machen. Er will daraus ein Unikat machen, etwas nie Dagewesenes, Neues, Überraschendes. Nietzsche führte gewiss das Leben eines solchen Dichterphilosophen.

Nietzsche wollte um keinen Preis Philosoph sein, wenn das Ausüben der Disziplin ihn zu Wortspielen, dem Arbeiten mit Begrifflichkeiten und akademischen Fachjargon zwang. Der Freigeist wollte seine philosophischen Untersuchungen selbst von künstlerischen Darstellungspraxen Gebrauch machen.

Der Dichterphilosoph praktiziert Philosophie nicht um der Philosophie willen,, sondern der Kunst willen. Vielmehr praktiziert er praktische Existenzphilosophie, also das Gegenteil der existenzialistischen Philosophie.

Erstere nahm ihren Anfang bei den antiken Philosophen, die sich über das gute, philosophische Leben, über eine praktische Erfahrung der Wesiheit Gedanken machten. Letzere hat ihren Ursprung in der mittelalterlichen Scholastik und deren universitärer Weiterentwicklung.

Nietzsche schwebte als Philosophen das Leben eines Künstlers und einer künstlerischen Existenz vor. Sein Leben ist eher Ausdruck der Kunst, denn der Philosophie. Nietzsche ist der Künstlerphilosoph auf dem Wege zum Übermenschlichen.

Die französische Moralistik von Montaigne bis La Rochefoucauld regte den Aphoristiker Nietzsche an; die französische Aufklärung, besonders Voltaire, formierte die für seinen Denkhabitus maßgebende Konzeption des „freien Geistes“.

Weblink:

Friedrich Nietzsche - www.famousphilosophers.org