"Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frisst, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zu Nacht und von Tag zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig. Dies zu sehen geht dem Menschen hart ein, weil er seines Menschentums sich vor dem Tiere brüstet und doch nach seinem Glücke eifersüchtig hinblickt; -denn das will er allein, gleich dem Tiere weder überdrüssig noch unter Schmerzen leben, und will es doch vergebens, weil er es nicht will wie das Tier. Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst micht nur an? Das Tier will auch antworten und sagen, das kommt daher, dass ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte, -da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg: so dass der Mensch sich darob wunderte."
Wie Friedrich Nietzsche schreibt wohl keiner mehr im deutschen Raum. In seinem Text lebt der Rhythmus, die Sätze selbst und die Metapher werden zu Kunstwerken. Der Inhalt ist gehaltvoll. Die Sprache, die Textgestaltung des 19. Jahrhunderts, in dem das Lesen selbst kurzer Zeitungsmeldungen ein Vergnügen bereiten kann, sind uns abhanden gekommen. Wie viel Arbeit steckte damals noch in einem Text! Und auch Nietzsche äußert sich, wie viel Kraft, wie viel Anstrengung es ihn kostete, zu schreiben.
Was gibt es schöneres als solch ein bebilderter Erzählstil? Nietzsche zeigt einmal mehr der Menschheit, was sie wirklich ist: eine dahinsiechende Meute Geistloser oder, um mit Heidegger zu sprechen: ein Man.
Literatur:
Unzeitgemäße Betrachtungen von Friedrich Nietzsche