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Samstag, 20. Juni 2020

Nietzsches letzter Mensch ist der heutige moderne Mensch


Nietzsche schildert in „Also sprach Zarathustra“ den letzten Menschen. Hat sich Nietzsche schon in seinen früheren Werken, wie „Morgenröte“, „Menschliches Allzumenschliches“ und „die Fröhliche Wissenschaft“ als feinster Diagnostiker unserer modernen Gesellschaft erwiesen, so charakterisiert er mit dem letzten Menschen den modernen Menschen als solchen. Es ist der gegenwärtige Mensch.

Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen. Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern? – so fragt der letzte Mensch und blinzelt. Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

Wir haben das Glück erfunden – sagen die letzten Menschen und blinzeln. Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben; denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme. Krankwerden und Misstrauenhaben gilt ihnen als sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Tor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!

Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben. Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt, dass die Unterhaltung nicht angreife. Man wird nicht mehr arm und reich: beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich.

Der letzte Mensch ist für Nietzsche das verachtenswerteste Geschöpf der Erde. Der letzte Mensch hat es fertig gebracht, alle Sehnsucht, allen Willen zu Größerem zu verlieren. Er ist Endpunkt der tragischen Entwicklung, die unsere Gesellschaft, laut Nietzsche, durch macht. Scheinbar völlig mit sich selbst zufrieden lebt, oder besser vegetiert, der letzte Mensch vor sich hin. Er markiert den tragischen Endpunkt der Entwicklung der Menschheit.

Seinen Zarathustra lässt er über diesen weiter sagen:

"Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.

Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.

Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.

»Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern« – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.

Nietzsche beschreibt in diesem Text schon vor über 130 Jahren in prophetischer Weise die Verfassung des modernen Menschen. Es geht um die Aufrechterhaltung des Status quo. Die Gesellschaft wird auf Dauer gestellt. Das Leben erstarrt, man tritt auf der Stelle, trotz beschleunigtem Lebenswandel. „Rasender Stillstand“ macht sich breit. Es geschieht natürlich sehr viel: Finanzkrisen, Wirtschaftskrisen, Revolten, Aufruhr, Demonstrationen, Katastrophen aller Art, Sensationen. Aber es ändert sich nichts Wesentliches mehr in der Grundstruktur der westlichen Gesellschaft. Und der Rest der Welt sieht keine andere Option, als sich der westlichen Grundstruktur anzupassen.

Alles ist sehr gleich, sehr klein, sehr langweilig. Der letzte Mensch hat keine Leidenschaft, er ist ohne Thymos (Mut, Eifer), wie Peter Sloterdijk in „Zorn und Zeit“ sagt. Dazu Max Weber: „Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz: dies Nichts bildet sich ein, eine nie vorher erreichte Stufe des Menschentums erstiegen zu haben.“

Weblink:

Nietzsches letzter Mensch ist der heutige moderne Mensch - www.vns.de

Samstag, 13. Juni 2020

Friedrich Nietzsche und die ewige Wiederkehr des Gleichen



Ein sich offenbarendes Erlebnis hatte Nietzsche, als er am 6. August 1881 am See von Silvaplana spazieren ging und bei Surlej einen riesigen, pyramidenförmigen Granitfelsen am Ufer erblickte.

Dieser Fels war Stein des Anstoßes für Nietzsches zentralen, philosophischen Gedanken der ewigen Wiederkehr: Das Leben ist ein ewiger Zyklus; jede Lust, jeder Schmerz, alles kommt wieder. Wer das Leben als Kreis bejaht, stimmt damit zu, jeden Augenblick so zu leben, dass dieser Moment im endlosen Leben wieder erscheint.

Die Idee der ewigen Wiederkehr ist zentral im Werk "Also sprach Zarathustra", das Nietzsche in Sils Maria schrieb. Auf der Halbinsel Chasté, die im Silser See liegt und die für Nietzsche ein geliebter Ort war, sind heute die Verse des sogenannten "Mitternachts-Lieds" aus Zarathustra verewigt.

1881 verbrachte Friedrich Nietzsche seinen ersten Sommer in Sils-Maria im Oberengadin. Hier im Hochgebirge, „6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit“, hatte er an einem hellen Augustvormittag 1881 ein Offenbarungserlebnis, das er im Rückblick immer stärker mystifizieren wird: die Erkenntnis von der ewigen Wiederkehr.

Für Nietzsche hat alles Lebendige in sich den Willen zur Macht, zur Steigerung und Gestaltung. Darum sein Vorschlag für eine neue Sinnorientierung: Die ewige Wiederkunft des Gleichen. Dies ist eine heroische Haltung, die Annahme des unausweichlichen Schicksals. Da tritt Nietzsche wie ein Stifter eines neuen Glaubens auf. Ewige Wiederkunft: da ließe sich auch an das Nirwana des Buddhismus denken. Aber im Buddhismus gibt es einmal den Ausstieg aus dem Kreislauf, eben den definitiven Schritt ins Nirwana.


Friedrich Nietzsche


Das ist bei Nietzsche nicht gemeint. Es ist der Versuch, die lineare Geschichte aufzugeben, also die Idee der unbekannten Zukunft vor uns aufzugeben, zugunsten eines Kreises, der Wiederkehr der bekannten irdischen Welt. Diese Idee hat Nietzsche selbst für die schwerste zu Erkennende und zu Ertragende gehalten. Sie setzt auch den einzelnen ein in die Wiederkunft des schon einmal Erlebten. Das wird von Nietzsche durchaus als Last angesehen, wer will schon alles Leid, das er einmal durchmachte noch einmal und noch einmal später erleben? Aber diese heroische Annahme der Wiederkunft lobte Nietzsche als amor fati. Was ständig wiederholt, hat einen zwanghaften Charakter, ohne Ziel und ohne Ende dreht sich die Welt.

Ob das eine bessere Lösung ist als die klassische Lehre von der himmlischen und zukünftigen Erlösung ist eine andere Frage!

Nietzsche leitet aus seiner Lehre von der ewigen Wiederkehr des Gleichen das Recht ab, sich als ersten tragischen Philosophen zu sehen, der das Gegenteil des pessimsistischen Philsosophen (also Schopenhauer) ist und damit auch die Griechen in ihrer tragischen Weisheit noch übersteigt.


Weblink:

Nietzsche - gefährlich anregend. Ein Vortrag im religionsphilosophischen Salon - Religionsphilosophischen Salon

Nietzsche

Literatur:


Friedrich Nietzsche: Wanderer und freier Geist
von Sabine Appel