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Samstag, 21. Oktober 2023

Nietzsche - Der letzte Mensch

Friedrich Nietzsche


»Der letzte Mensch« ist ein Ausdruck des Philosophen Friedrich Nietzsche in »Also sprach Zarathustra«. Er steht für den „christlich-demokratisch-sozialistischen“ Menschen, d. h. das schwächliche Bestreben nach Angleichung der Menschen untereinander, nach einem möglichst risikolosen, langen und „glücklichen“ Leben ohne Härten und Konflikte - also letztlich für den Nihilisten.

Weil er aber kein Chaos mehr in sich trägt, kann er auch „keinen Stern mehr gebären“, das heißt, seine Kreativität ist erlahmt und er kann kein Ziel mehr fassen, das größer wäre als er selbst. Er wird daher als negatives Gegenstück zum Übermenschen vorgestellt. Im Nachlass sagt Nietzsche: „Der Gegensatz des Übermenschen ist der letzte Mensch; ich schuf ihn zugleich mit jenem.“

Nietzsche schildert in „Also sprach Zarathustra“ den letzten Menschen. Hat sich Nietzsche schon in seinen früheren Werken, wie „Morgenröte“, „Menschliches Allzumenschliches“ und „die Fröhliche Wissenschaft“ als feinster Diagnostiker unserer modernen Gesellschaft erwiesen, so charakterisiert er mit dem letzten Menschen den modernen Menschen als solchen. Es ist der gegenwärtige Mensch.

"Wehe! Es kommt die Zeit, wo der dem Mensch nicht mehr den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinauswirft, und die Sehne seines Bogens verlernt hat zu schwirren!
Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.


Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.
Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen."


Mit diesen großen Worten leitet Zarathustra seine Rede vom letzten Menschen ein. Der letzte Mensch ist für Nietzsche das verachtenswerteste Geschöpf der Erde. Der letzte Mensch hat es fertig gebracht, alle Sehnsucht, allen Willen zu Größerem zu verlieren. Er ist Endpunkt der tragischen Entwicklung, die unsere Gesellschaft, laut Nietzsche, durch macht. Scheinbar völlig mit sich selbst zufrieden lebt, oder besser vegetiert, der letzte Mensch vor sich hin. Er markiert den tragischen Endpunkt der Entwicklung der Menschheit.

Seinen Zarathustra lässt er über diesen weiter sagen:

"Ich sage euch: man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: ihr habt noch Chaos in euch.

Wehe! Es kommt die Zeit, wo der Mensch keinen Stern mehr gebären wird. Wehe! Es kommt die Zeit des verächtlichsten Menschen, der sich selber nicht mehr verachten kann.

Seht! Ich zeige euch den letzten Menschen.

»Was ist Liebe? Was ist Schöpfung? Was ist Sehnsucht? Was ist Stern« – so fragt der letzte Mensch und blinzelt.

Die Erde ist dann klein geworden, und auf ihr hüpft der letzte Mensch, der Alles klein macht. Sein Geschlecht ist unaustilgbar, wie der Erdfloh; der letzte Mensch lebt am längsten.

»Wir haben das Glück erfunden« – sagen die letzten Menschen und blinzeln."


Mit diesen Worten wird der Stillstand geschildert, den Nietzsche so fürchtet. Keine Kraft mehr in sich haben, um etwas über sich hinaus zu schaffen, die Zeit, in der „die Sehne“ des Bogens verlernt hat zu schwirren. Die Unaustilgbarkeit des letzten Menschen ist Produkt der mangelnden Sehnsucht, der letzte Mensch beraubt seine Nachfahren um eine bessere Welt, denn er hat keine Nachfahren – er ist der Nachfahre, der letzte Mensch. Hier verblasst der Sinn des Daseins für Nietzsche, der als er den „Tod Gottes“ prognostizierte, vor einem gähnenden Abgrund der Sinnlosigkeit und Leere stand. Den völligen Wertverfall zu stoppen beabsichtigte Nietzsche, als er den „Übermensch“ erschuf. Er wollte dem aufziehendem Nihilismus Einhalt gebieten und seiner Zeit wieder Sinn geben. „Der Übermensch ist Sinn der Erde. Euer Wille sage: Der Übermensch sei Sinn der Erde!“ So verkündet Zarathustra. Warum? Für Nietzsche ist der Mensch das „kranke Thier“. Wenn man dieses Tier seines Gottes, seines Sinnes beraubt, bleibt nur noch Elend. Nietzsche war nicht von Grund auf Pessimist, im Gegenteil stellt seine Philosophie ein große schicksals-bejahende Philosophie da, aber er musste die sich selbst gerissene Wunde des Todes Gottes stopfen. Dieser Stopfen heißt Übermensch. Der letzte Mensch macht Nietzsche Angst.
Wie aber schildert er diesen „letzten Menschen“?

„„Wir haben das Glück erfunden“ - sagen die letzten Menschen und blinzeln.“

Sie haben die Gegenden verlassen, wo es hart war zu leben: denn man braucht Wärme. Man liebt noch den Nachbar und reibt sich an ihm: denn man braucht Wärme.

Krankwerden und Misstrauen-haben gilt ihnen als sündhaft: man geht achtsam einher. Ein Thor, der noch über Steine oder Menschen stolpert!

Ein wenig Gift ab und zu: das macht angenehme Träume. Und viel Gift zuletzt, zu einem angenehmen Sterben.
Man arbeitet noch, denn Arbeit ist eine Unterhaltung. Aber man sorgt dafür, dass die Unterhaltung nicht angreife.

Man wird nicht mehr arm und nicht mehr reich: Beides ist zu beschwerlich. Wer will noch regieren? Wer noch gehorchen? Beides ist zu beschwerlich. Kein Hirt und Eine Herde! Jeder will das Gleiche, Jeder ist gleich: wer anders fühlt, geht freiwillig in’s Irrenhaus.

„Ehemals war alle Welt irre“ – sagen die Feinsten und blinzeln.

Weblink:

Nietzsche - Antinihilist - Antichrist - www.friedrichnietzsche.de


Samstag, 16. September 2023

»Umwertung aller Werte« von Friedrich Nietzsche

Die »Umwertung aller Werte« ist ein von Friedrich Nietzsche geprägtes Schlagwort, ein schöpferischer Gedanke seines Spätwerkes und ein zentraler Begriff seiner Philosophie und Moralkritik.

»Umwertung aller Werte« von F. Nietzsche geprägte Formel, mit der er einen Akt »höchster Selbstbesinnung der Menschheit« verbindet. Angesichts des von ihm behaupteten allgemeinen Kulturniedergangs und der Entwertung aller Ideale kritisierte er alle Versuche einer an den traditionellen Werten orientierten neuen Sinngebung. Er forderte, statt in solchem »unvollständigen Nihilismus« steckenzubleiben, das Prinzip der Wertsetzung zu ändern. »Wert« bemisst sich für ihn an den »Erhaltungs- und Steigerungsbedingungen« des Lebens, wie sie im Geltungsstreben starker Individuen zum Ausdruck kommen und in denen sich der »Wille zur Macht« seine eigenen Ziele setzt.

Der Ausdruck für eine neue, gegensätzliche Bewertung bisheriger Wertvorstellungen stammt aus der Philosophie Friedrich Nietzsches (1844-1900) und bezieht sich dort auf die geforderte Ersetzung christlich-abendländischer Werte durch vorchristlich-archaische Tugenden. Damit sollte in einem »Akt höchster Selbstbesinnung der Menschheit« der Nihilismus aus der Einsicht in die mangelnde Objektivität aller bisherigen Sinngebung überwunden werden. Das geplante Werk »Der Wille zur Macht« sollte den Untertitel »Versuch einer Umwertung aller Werte« tragen. Der Titel seines geplanten Spätwerkes, das nicht mehr vollendet wurde und Fragment geblieben ist.

Die Verwendung von »Umwertung aller Werte« als Untertitel zu »Der Antichrist« und zu der Kompilation eines Nachlassteiles zu dem Buch »Der Wille zur Macht« (1906).

In der Zeit des Nationalsozialismus hat Friedrich Würzbach, damaliger Präsident der bis 1943 bestehenden Nietzsche-Gesellschaft, im Jahr 1940 eine erweiterte Zusammenstellung von Texten des Nachlasses von Nietzsche mit 2.397 Aphorismen unter dem Titel »Das Vermächtnis Friedrich Nietzsches. Versuch einer Auslegung allen Geschehens und einer Umwertung aller Werte« herausgegeben. Diese Ausgabe wurde 1969 und 1977 erneut aufgelegt. Sie ist seit Erscheinen der Kritischen Gesamtausgabe hinfällig.

Schon im Jahr 1883 fühlte die bisher unbewußte und ungewollte Zusammenghörigkeit seiner Werke. »Die durchgehende unbewußte Gedanken-Kongruenz und -Zusammengehörigkeit in der bunt geschichteten Masse meiner neueren Bücher hat mein Erstaunen erregt: man kann von sich nicht los, deshalb soll man es wagen, sich weithin ghen zu lassen.« Das Jahr 1886 ist entscheidend hierfür. Fast alle vorherigen Werke werden mit neuen Vorreden versehen und in einen einzigen Zusammenhang gebracht - sie werden hineingezogen in jene schwingende Bahn um jenes eine Zentrum. Seite 32 Ende 1887 fühlte er, daß die Stunde der Ausführung gekommen ist. Er schrieb am 2. Dezember 1887 an Gersdorff: »In einem bedeutenden Sinn steht mein Leben jetzt wie im vollen Mittag: eine Tür schließt sich, eine andere tut sich auf. Was ich nur in dne letzten Jahren getan habe, war ein Abrechnene, Zusammenaddieren von Vergangenem, ich bin mit Mensch und Ding nachgerade fertig geworden und habe einen Strich daruner gezogen.«

Literatur:

Der Wille zur Macht: Versuch einer Umwertung aller Werte Banduch I & II
Der Wille zur Macht: Versuch einer Umwertung aller Werte Banduch I & II

Samstag, 18. Februar 2023

Betrachtung der Herde

"Betrachte die Herde, die an dir vorüberweidet: sie weiß nicht, was Gestern, was Heute ist, springt umher, frisst, ruht, verdaut, springt wieder, und so vom Morgen bis zu Nacht und von Tag zu Tage, kurz angebunden mit ihrer Lust und Unlust, nämlich an den Pflock des Augenblicks, und deshalb weder schwermütig noch überdrüssig. Dies zu sehen geht dem Menschen hart ein, weil er seines Menschentums sich vor dem Tiere brüstet und doch nach seinem Glücke eifersüchtig hinblickt; -denn das will er allein, gleich dem Tiere weder überdrüssig noch unter Schmerzen leben, und will es doch vergebens, weil er es nicht will wie das Tier. Der Mensch fragt wohl einmal das Tier: warum redest du mir nicht von deinem Glücke und siehst micht nur an? Das Tier will auch antworten und sagen, das kommt daher, dass ich immer gleich vergesse, was ich sagen wollte, -da vergaß es aber auch schon diese Antwort und schwieg: so dass der Mensch sich darob wunderte."


Wie Friedrich Nietzsche schreibt wohl keiner mehr im deutschen Raum. In seinem Text lebt der Rhythmus, die Sätze selbst und die Metapher werden zu Kunstwerken. Der Inhalt ist gehaltvoll. Die Sprache, die Textgestaltung des 19. Jahrhunderts, in dem das Lesen selbst kurzer Zeitungsmeldungen ein Vergnügen bereiten kann, sind uns abhanden gekommen. Wie viel Arbeit steckte damals noch in einem Text! Und auch Nietzsche äußert sich, wie viel Kraft, wie viel Anstrengung es ihn kostete, zu schreiben.

Was gibt es schöneres als solch ein bebilderter Erzählstil? Nietzsche zeigt einmal mehr der Menschheit, was sie wirklich ist: eine dahinsiechende Meute Geistloser oder, um mit Heidegger zu sprechen: ein Man.

Literatur:

Unzeitgemäße Betrachtungen
Unzeitgemäße Betrachtungen
von Friedrich Nietzsche

Samstag, 14. Januar 2023

»Sanctus Januarius« von Friedrich Nietzsche

Sanctus Januarius


Motto zum vierten Buch der »Fröhlichen Wissenschaft«

Der du mit dem Flammenspeere
meiner Seele Eis zerteilt,
ihrer höchsten Hoffnung eilt:
heller stets und stets gesunder,<
also preist sie deine Wunder,
schönster Januarius!

Genua, im Januar 1882




Literatur [ >> ] :

Die Fröhliche Wissenschaft<;br>Die Fröhliche Wissenschaft von Friedrich Nietzsche

Morgenröte / Idyllen aus Messina / Die fröhliche Wissenschaft.
Morgenröte / Idyllen aus Messina / Die fröhliche Wissenschaft.
von Giorgio Colli und Mazzino Montinari

Weblink:

Sanctuarius - deacademic.com